Eva Schloss
(Wien 1929): Als jüdisches Mädchen in Auschwitz-Birkenau
„Das System war darauf ausgerichtet, uns alle zu vernichten“
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Eva Schloss mit Mutter Elfriede „Fritzi“ und Bruder Heinz, 1930; Evas Vater Erich Geiringer im Alter von 20 Jahren; Wohnhaus der Familie Geiringer in Wien bis 1935; Evas Eltern Fritzi und Erich, ca. 1920 (v.l.oben) -
Eva mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in Tirol, 1935; an einem österreichischen See, 1933 -
Vater Erich und Mutter Elfriede Geiringer (links), Heinz und Eva Geiringer mit ihrer Mutter am Strand in Belgien (rechts), 1939 -
1939 am Strand in Belgien: Evas Eltern; Heinz und Eva mit ihrer Mutter; Eva und Heinz mit einer Freundin; Eva verkleidet als Prinzessin (v.l.oben) -
Heinz, Eva (r.) und zwei Freundinnen; die Geschwister in Brüssel -
Heinz 1941; Eva 1940; der Merwedeplein in Amsterdam, wo Familie Geiringer auf der linken Seite wohnte und die Familie von Anne Frank auf der rechten Seite; die Geschwister und ihre Mutter in Amsterdam 1940 -
Oben: Porträt von Evas Mutter, gemalt von ihrem Vater in seinem Versteck; Mitte: Eines der vielen Bilder, die Heinz in seinem Versteck gemalt hat. Es zeigt ihn beim Studieren. Erich Geiringer versteckte die Bilder unter den Fußbodenbrettern des Zimmers. Nach dem Krieg erhielten Eva und ihre Mutter alle Bilder unbeschädigt zurück; unten: Stilleben, gemalt von Eva 1948 -
Eva während ihrer Mittagspause an der Prinzengracht im Jahre 1950; das Fotoatelier, in dem Eva arbeitete, lag ganz in der Nähe. -
Hochzeitsfoto von Eva Schloss und ihrem Mann Zvi, Amsterdam, 1952: Evas Mutter, Otto Frank (der Vater von Anne Frank), Eva, ihr Mann Zvi, dessen Mutter, Evas Großmutter Helen (v.l.); mit Ehemann Zvi vor ihrem Zuhause in London, 1954; 1962 auf der Terrasse vor dem Haus der Franks in Basel, wo Evas Mutter lebte: Evas Mutter, Evas Großmutter und Eva selber (v.l.n.r.) mit ihren drei Töchtern
Eva Schloss wuchs unter dem Namen Eva Geiringer in einer großbürgerlichen, von ihr als glücklich-harmonisch beschriebenen Familie in Wien auf. Ihre Eltern müssen ein aufsehenerregendes Paar gewesen sein, der Vater war ein Energiebündel und Fitnessfanatiker. Die jüdische Religion spielte wie in vielen anderen Familien eine eher untergeordnete Rolle, aber der Sabbat wurde jeden Freitagabend mit dem Anzünden von Kerzen gefeiert. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme entschlossen sich die Eltern, im Süden der Niederlande eine Schuhfabrik aufzubauen; Eva und ihre Mutter flüchteten im Juni 1938. Im ersten Jahr der Flucht ging sie in Brüssel zur Schule, danach in Amsterdam. Anfangs verstand die Neunjährige kein Wort der fremden Sprache. Als die Deutschen im Mai 1940 Belgien und die Niederlande überfielen und die niederländischen Streitkräfte kapitulierten, saß die Familie plötzlich in der Falle. Die Lage wurde immer gefährlicher, Bruder Heinz hätte deportiert werden sollen, weswegen die Familie mithilfe des niederländischen Widerstandes im Sommer 1942 untertauchte. Ihr Bruder und Vater waren von Eva und ihrer Mutter getrennt versteckt. Ab und zu sahen sie sich; Eva Schloss beschreibt, wie sehr sie ihren drei Jahre älteren Bruder auch wegen seiner Feinfühligkeit und Kreativität mochte, er schrieb Gedichte, komponierte und malte Ölbilder.
An ihrem 15. Geburtstag, dem 11. Mai 1944, klingelte es beim Geburtstagsfrühstück. Ihr Versteck, aber auch das des Vaters und Bruders waren verraten worden. Es folgten brutale Verhöre, kurze Haft, Durchgangslager Westerbork und danach eine „Fahrt in die Hölle“ von Auschwitz-Birkenau, das beschämende Aufnahmeverfahren mit Verlust aller Habseligkeiten, Nacktheit, Rasieren aller Körperhaare, Tätowierung. Eva überlebte an der Seite ihrer Mutter. Als sie getrennt wurden, versuchte ihre Mutter, ihr einen Abschiedskuss zu geben, „… aber ein Kapo erwischte sie und prügelte mit einem Ledergürtel auf sie ein.“ Damit brach für Eva die Hoffnung zu überleben weg. Dennoch, beide überlebten und kehrten in die Niederlande zurück. Die Hoffnung, dass Evas Bruder und Vater auch überlebt hatten, zerbrach. Am 8. August 1945 erhielten sie und ihre Mutter einen Brief vom Roten Kreuz, Vater und Bruder seien bei Mauthausen (eigentlich bei Ebensee) ums Leben gekommen.
Eva zog nach England, heiratete, bekam drei Töchter. Wenn sie ihre Enkelkinder wegen der eintätowierten Nummer fragten, antwortete sie, das sei ihre Telefonnummer, denn sie wollte nicht über die Vergangenheit sprechen. Da ihre Mutter 1953 den Vater von Anne Frank heiratete, wurde Eva die Stiefschwester von Anne Frank. Sie kannten einander als Nachbarkinder, hatten aber kein Naheverhältnis, anders als Bruder Heinz zu Margot, der älteren Schwester von Anne Frank. Mit dem Welterfolg der Veröffentlichung der Tagebücher von Anne Frank begannen auch Ausstellungen über Anne Frank in vielen Ländern. Bei einer derartigen Ausstellungseröffnung wurde Eva Schloss 1986 eingeladen, ein paar Worte zu sagen. Auf einmal brach es aus ihr heraus, sie konnte sich nicht kontrollieren, konnte nicht aufhören zu sprechen. Sie musste dieses Darüber-Sprechen erst lernen, da sie immer öfter als Zeitzeugin eingeladen wurde.
Eva Schloss wurde als eine von wenigen für das außergewöhnliche und äußerst aufwendige Projekt „New Dimension of Testimony“ der USC Shoah Foundation eingeladen. In Zukunft werden Besuchende in Museen und Ausstellungen an die auf diese Weise aufgenommene Zeitzeugin Fragen stellen können, und über eine Spracherkennungs-Software wird sie passende Antworten darauf geben. Dieses Beispiel zeigt, wie hoch der Stellenwert von Eva Schloss als Zeitzeugin eingestuft wird.
Literatur und Quellen
Eva Schloss, Evas Geschichte. Anne Franks Stiefschwester und Überlebende von Auschwitz erzählt, Gießen 42018.
Eva Schloss, Karen Bartlett, After Auschwitz. A Story of Heartbreak and Survival by the Stepsister of Anna Frank, London 2013.
Jewish Survivor Eva Schloss Testimony, USC Shoah Foundation's Visual History Archive: https://www.youtube.com/watch?v=rdrtor-N6iE (23.11.2021)